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CHAROMUSHKI ODYSSEY

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Eine gespenstische Zeitreise: Manchmal geschehen die interessantesten Zeitreisen zufällig. So erging es Andrei Loginov, der in einem belarussischen Dorf von den Bewohner*innen eine Geschichte über ein verlassenes Fotografenhaus hörte. Stellen wir uns dieses Dorf vor, dessen Leben sich um die Kolchose dreht, und die junge Generation zieht auf der Suche nach einem besseren Leben in die Städte. Manche Bewohner*innen erinnern sich noch an die Besuche im Haus des Fotografen im Tal, wo sie als Kinder sich mit ihren Familienmitgliedern zu besonderen Anlässen festlich gekleidet fotografieren ließen. Sie erzählten Andrei Loginov von dieser Aura der Ungewöhnlichkeit, die damit verbunden war, dass ihre Physiognomien verewigt wurden, und zeigten ihm den Weg zu dem verfallenen, verlassenen Haus des Fotografen. Der Künstler fand das Haus, umgeben von einem schnell wachsenden Wald, in dem noch Obstbäume standen. Das Dach des Hauses war bereits teilweise eingestürzt, aber unter dem Bett fand Andrei Loginov einen Schatz: Kisten mit Glasnegativen und ein Fotohintergrund mit Landschaft. Einige von den Negativen waren unversehrt geblieben, andere waren zerbrochen oder – durch die Feuchtigkeit, die in das Haus eingedrungen war – verschimmelt. Der Fotograf war in den 1930-50ern tätig. Die Gesichter und Silhouetten der fotografierten Personen waren verschwommen und undeutlich geworden, sie schienen zu verschwinden oder im Gegenteil: wie Gespenster aufzuscheinen.. Die Glasnegative zeigen Dorfbewohner*innen, die vor einem fotografischen Hintergrund mit einem Landschaftsmotiv posieren. Sie alle haben einen ernsten Gesichtsausdruck, als ob sie wüssten, dass sie in die Geschichte eingehen. Andrei Loginov berührte die Geschichte dieser belarussischen Ortschaft; er hatte sie plötzlich in seinen Händen. Er war wie ein Entdecker, ein Zeitreisender, der plötzlich die Fähigkeit erlangte, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden. Er nannte sein Projekt „Charomuscki Odyssey”, um diesen ungewöhnlichen Aspekt der gespenstischen Zeitreise zu betonen. Das Projekt umfasst drei Komponenten aus den unterschiedlichen Zeitschichten: die alten Glasnegativen und ein Fotohintergrund mit Landschaft und die neu gemachten schwarz-weißen Fotografien. Nachdem Andrei Loginov diese wertvollen Überreste der fotografischen Werkstatt gerettet hatte, fotografierte er die zeitgenössischen Dorfbewohner*innen vor dem gefundenen Fotohintergrund. Dabei hörte er sich einfühlsam ihre Geschichten an und wurde immer vertrauter mit der Geschichte des Dorfes. Im Rahmen von Andrei Loginovs „Charomuscki Odyssey ” sind demnach sowohl diese neuen Fotografien als auch die in dem verlassenen Haus gefundenen Relikte von Bedeutung. Die Materialität der Glasnegative und des Fotohintergrundes sind Erinnerungsträger, die die Phantasie der Betrachter*innen anregen. Das Projekt stellt Fragen sowohl nach der Makrogeschichte – Grenzverschiebungen (das Dorf gehörte vor dem zweiten Weltkrieg zu Polen), als auch nach der Mikrogeschichte der Bewohner*innen dieses Dorfes – zur Zeit des Betriebs dieser Fotowerkstatt und heute. „Charomuscki Odyssey” erzählt eine visuelle Geschichte über das Schicksal der Bewohner*innen eines bestimmten Dorfes (seit diesen historischen Aufnahmen erlebte der Landstrich die Kollektivierung, den 2. Weltkrieg, die Sowjetunion, das Regime Lukaschenkos). Diese harte Geschichte spiegelt sich in den Gesichtern der Menschen wider, die vor der Camera standen: ihre Schicksale werden jedoch vor dem Hintergrund historischer und zeitgenössischer Ereignisse universalisiert. Die Materialität der alten Fotografien, die Glasnegative und der fotografische Hintergrund stehen ebenfalls im Mittelpunkt: es handelt sich um nicht-menschliche Akteure, die durch ihre Präsenz ebenfalls eine Geschichte ohne Worte erzählen. Andrei Loginov, der das verlassene Haus des Fotografen fand und mit den heutigen Bewohner*innen des Dorfes fotografisch weiterarbeitete, unternahm nicht nur selbst eine Zeitreise, sondern nahm auch uns – die Rezipient*innen des Projekts – mit. Der Künstler schlüpfte in die Rolle des Dorffotografen und übernahm die Fortführung seiner Aufgabe. Mit den Möglichkeiten der Fotografie bildet die Zeit eine Schleife: zeitgenössische Menschen wurden vor einem alten Fotohintergrund aufgenommen, als hätten sie die Plätze derjenigen eingenommen, die 1930-50ern Jahren posierten. Marta Smolińska (2023)

Installation view, PF Gallery, Zamek, Poznań, 2023

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CHAROMUSHKI ODYSSEY

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